MOTZ & MOTZER

Ein letztes Gespräch im Bardo* für & mit Werner Bodinek & Marco Käppeli

Von Hansjörg Schertenleib
 

Zwei alte Männer, barfuss, mit Anzug und Krawatte, treffen an einem der Welt abgewandten Ort aufeinander und  beginnen ohne Umschweife miteinander zu reden: Offen, direkt und ohne Scheu, als kennten sie sich schon lange. Was hat sie an diesen Ort verschlagen? Der Zufall? Eine unsichtbare Macht, die im Hintergrund ihre Lebensfäden führt? Wer sind Sie, wohin sind Sie unterwegs? Die zwei alten Männer mögen müde sein, ja erschöpft, aufgegeben freilich haben sie das Leben noch lange nicht, dafür sind sie viel zu zornig auf die menschengemachten Zustände, die schwer hinzunehmen sind, so man schon länger auf diesem Planeten weilt und also über eine Vergangenheit verfügt. War früher alles besser? Mitnichten! Besser nicht, nur anders – und wohl verständlicher, einfacher zu durchschauen. Der Humor, den weder der eine noch der andere verloren hat, federt ihre Tiraden ab, ohne ihnen freilich die Zähne zu ziehen. Worüber sie sich unterhalten? Über alles und nichts, über vieles, was Freude macht, auch wenn der Rücken zwackt, über vieles, was Sorgen bereitet, auch wenn man finanziell abgesichert ist. Über Familie reden sie, das Alter und demnach die Gesundheit, Lärm, den man schlechter aushält als früher, über Sport und Körperertüchtigung, über Ordnungsliebe, sowie die Tücken von Verpackungen, Billettautomaten und des Internets. Über all die kleinen Katastrophen, die einem das Leben schwer machen halt – dies in einem Land, das vor grossen Katastrophen verschont worden ist. Motzen die beiden Männer? Natürlich  motzen sie, freilich voller Liebe für das Leben, die Welt und ihre Bewohner.

Befinden sie sich im Bardo, jenem tibetanischen Reich zwischen Dies- und Jenseits? Ist der eine der beiden hier, um den anderen abzuholen und sicher über die Grenze zu geleiten, ins Reich der Gegangenen, in das wir alle unterwegs sind? Bis es soweit ist, gilt es freilich, sich das Ende redend, nein erzählend vom Leibe zu halten, um den Moment, der sich für keinen aufhalten lässt, wenigstens für die Länge eines Theaterabends aufzuschieben und hinauszuzögern. Katharsis? Darunter machen wir es nicht, wieso sollten wir.

Der eine alte Mann redet Hochdeutsch, der andere alte Mann redet Hochdeutsch und Dialekt.

Musik gibt es keine. Nur Wind, steten Wind, der genauso an den Nerven zehrt, wie er uns schmeichelt.

H a n s j ö r g    S c h e r t e n l e i b

Uraufführung und Premiere, November 2026 - Bühne Aarau

 

Marco Käppeli/Werner Bodinek OHR ISST MIT